Wie lernt eigentlich mein Pferd?

 

Beim Reiten und im Umgang mit dem Pferd ist es für Pferd und Reiter wichtig eine angst- und stressfreie Lernatmosphäre zu schaffen. Lernvorgänge finden durch Kommunikation statt und Kommunikation findet immer statt.

 

Deshalb müssen wir uns als Reiter stets über unsere Kommunikation und unsere Signale bewusst sein. Ein Lob im richtigen Moment führt zu einem Lernerfolg. Aber auch eine Korrektur im richtigen Moment kann zum gewünschten Ziel führen. Hierbei kommt es immer auf ein passendes Timing an. Pferde zeigen ein Verhalten häufiger, wenn es sich für sie in einer Art und Weise lohnt. Wenn das Pferd nach dem richtigen Angaloppieren eine Schritt-Pause erhält und diese gerne mag, so wird es sich für das Pferd lohnen richtig anzugaloppieren. Über dieses Schema lernt das Pferd jedoch auch oft unerwünschtes Verhalten. Hierzu ein Beispiel: Das Pferd steht am Anbindeplatz und scharrt mit dem Huf. Die Besitzerin reagiert genervt, schenkt dem Pferd jedoch ihre Aufmerksamkeit. Das Pferd findet diese Aufmerksamkeit besser als langweiliges Herumstehen und wird das Scharren mit dem Huf wahrscheinlich häufiger zeigen. Das Verhalten hat für das Pferd in diesem Falle also einen sinnvollen Zweck. Zeigt unser Pferd ein unerwünschtes Verhalten, so hat dies für das Pferd meist einen Zweck. Das Verhalten ist erlernt und von uns selbst produziert. Der Vorteil hieran ist, dass wir das erlernte Verhalten auch neu trainieren und verändern können.

 

Für Pferde gibt es verschiedene häufig auftretende Zwecke des Verhaltens, z.B. körperliche Unversehrtheit, Entspannung (Pause), Futter, Wasser, Fellpflege usw. Wir müssen für unser Pferd individuell heraus finden, wie es am schnellsten und sinnvollsten lernt. Hierbei muss das individuelle Lerntempo und die Bedürfnisse berücksichtigt werden.


Lernvorgänge können in verschiedene Bereiche gegliedert werden. Zum nicht-assoziativen Lernen zählen Lernvorgänge, die dem Schutz des Organismus dienen und automatisiert ablaufen. Man teilt diesen Bereich in zwei Kategorien: Habituation (Gewöhnung an Reize) und Sensibilisierung (Reiz wird mit einer gewissen Reaktion gekoppelt, Reiz nimmt mit der Zeit ab und die Reaktion wird stärker). Unter assoziativem Lernen versteht man die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt. Hierzu zählen die klassische und die operante Konditionierung.

 

In Lernsituationen ist es wichtig sich vier Bereiche und die damit verbundenen Gefühle immer wieder vor Augen zu führen:

Positive Verstärkung (etwas hinzufügen z.B. Leckerli geben), das vorherrschende Gefühl ist Freude.

Negative Verstärkung (etwas wegnehmen, z.B. Schenkeldruck), das vorherrschende Gefühl ist Erleichterung.

Negative Strafe (etwas weglassen z.B. Leckerli nicht geben), das vorherrschende Gefühl ist Enttäuschung.

Positive Strafe (etwas hinzufügen, z.B. Schlag mit der Gerte), das vorherrschende Gefühl ist Angst.

 

In verschiedenen Situationen verwenden wir unterschiedliche Lernmuster. Jedes Pferd hat hierbei individuelle Vorlieben und lernt mit den verschiedenen Methoden unterschiedlich schnell. 


Zum Thema Lernen gibt es viel umfassende Literatur und viele unterschiedliche Meinungen. Auch hier muss jeder für sich selbst die geeignete Methode finden. Es lohnt sich, sich mit diesem Thema intensiv auseinander zu setzen und dadurch das Verhalten der Pferde besser analysieren und verstehen zu können.

 

Lernen und Fehler machen liegt eng beieinander. Niemand möchte Fehler machen und in unserer Leistungsgesellschaft gibt es auch keine Fehlerkultur. Trotzdem können wir aus Fehlern sehr effektiv lernen.

Im Reitsport kommt es häufig vor, dass wir Fehler gerne zum Pferd schieben und uns selbst aus der Verantwortung ziehen. Jeder Reiter kennt das: Man trainiert seit Wochen an einem Problem, aber es will einfach nicht besser werden. Oder aber: Das sonst so brave und anständige Pferd bockt plötzlich, lässt sich nicht mehr einfangen oder ähnliches. Oftmals liegt der Fehler hier gar nicht beim Pferd, sondern in seiner Umwelt. Bevor man ein Pferd für einen Fehler bestraft oder korrigiert ist es für mich immer sehr wichtig die Ursache des Fehlers zu suchen. Dies kann an falscher Fütterung, unpassendem Equipment oder Schmerzen liegen. In jedem Fall muss ausgeschlossen werden, dass das Pferd körperliche Probleme hat und gar nicht richtig reagieren kann. Manchmal kommt es auch vor, dass das Pferd die Aufgabe einfach nicht richtig versteht. Hier liegt es am Reiter, seinem Pferd etwas Schritt für Schritt beizubringen. Eine eindeutige und klare Hilfengebung ist hierbei ausschlaggebend. Als Reiterin suche ich einen Fehler stets zuerst bei mir und arbeite somit auch ständig an der Verbesserung von mir selbst. Es ist außerdem sehr wichtig auf die kleinen Signale des Pferdes zu achten. Pferde sind sehr ruhige Tiere, die auch oftmals unter Schmerzen noch Leistung erbringen. Aufgrund ihres natürlichen Verhaltens in der Herde zeigen sie Schwächen oftmals erst, wenn es bereits ernst ist. Als Reiter haben wir die Verantwortung für unser Pferd zu sorgen und Probleme frühzeitig zu erkennen. Nehmt euch doch mal die Zeit euer Pferd einfach nur zu beobachten. Neben den äußeren Einflussfaktoren kann ein unerwünschtes Verhalten auch erlernt sein. Passt also genau auf und straft euer Pferd nicht für etwas, das ihr im versehentlich beigebracht habt (siehe: Beispiel oben, Scharren mit den Hufen).

 

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